Der Schub kam plötzlich.
Montag war noch alles einigermaßen in Ordnung und Mittwoch spielt der Darm verrückt,
die Haut brennt, die Gelenke tun weh oder diese bleierne Erschöpfung ist wieder da, von der du gehofft hattest, dass sie sich jetzt bitte endgültig vom Acker gemacht hat.
„Scheiße. Schon wieder.“
Natürlich willst du jetzt zuerst wissen, wie du das möglichst schnell wieder loswirst. Völlig verständlich. Mich interessiert trotzdem noch eine andere Frage: Was war eigentlich vorher?
Nicht fünf Minuten vorher. Vielleicht gestern, vielleicht vor drei Tagen, vielleicht in der vergangenen Woche. Denn bevor wir einen Schub unter „Meine Autoimmunerkrankung macht eben, was sie will“ abheften, lohnt es sich, einmal rückwärtszugucken.
Nicht, um einen Schuldigen zu finden. Und schon gar nicht, um dir einzureden, du hättest deine Erkrankung selbst verursacht. Sondern weil du vielleicht etwas viel Interessanteres findest: ein Muster.
Was kann einen Autoimmun-Schub auslösen?
Wenn du diese Frage googelst, bekommst du ziemlich schnell die üblichen Verdächtigen serviert:
Infektionen, Stress, Schlafmangel, körperliche Überlastung, hormonelle Veränderungen, Medikamente und – abhängig von der jeweiligen Erkrankung – weitere Umwelt- und Lebensstilfaktoren.
Das Problem ist nur: Ein Mensch funktioniert nicht wie eine Waschmaschine, bei der du hinten auf Seite 37 der Bedienungsanleitung nachschlägst:
Fehler E17 – Schub. Ursache: Vater.
So einfach ist es nicht.
Bei Autoimmunerkrankungen treffen genetische Veranlagung, Immunregulation und Umweltfaktoren aufeinander. Und dann bist da auch noch du – mit deinem Schlaf, deinem Job, deinen Beziehungen, deinen Medikamenten, deiner Lebensgeschichte und deiner ganz persönlichen Art, auf Belastungen zu reagieren.
Deshalb interessiert mich die allgemeine Frage „Was löst Autoimmun-Schübe aus?“ zwar schon. Aber viel spannender finde ich:
Was passiert bei DIR, bevor es kippt?
Woran erkenne ich einen Autoimmun-Schub?
Das lässt sich leider nicht für alle Autoimmunerkrankungen über einen Kamm scheren. Ein Schub bei Multipler Sklerose ist medizinisch anders definiert als eine Verschlechterung bei Colitis ulcerosa, Psoriasis oder rheumatoider Arthritis. Auch Dauer, Symptome und messbare Krankheitsaktivität unterscheiden sich.
Wenn neue Beschwerden auftreten, bekannte Symptome plötzlich deutlich stärker werden oder du nicht einschätzen kannst, was gerade passiert, gehört deshalb zunächst die medizinische Frage geklärt: Ist das tatsächlich ein Schub meiner Erkrankung, ein Infekt, eine Nebenwirkung, etwas völlig anderes – oder vielleicht ein medizinischer Notfall?
Ist das medizinisch geklärt, interessiert mich die nächste Frage. Und die stelle ich meinen Kunden gern ein bisschen anders:
"Wie machst du das?"
Darauf kommt meistens ziemlich entrüstet:
„Ich mach das doch nicht!"
„Na ja“, sage ich dann, „ich kann sowas nicht. Irgendetwas musst du also als Special Skill haben, dass dein Körper das kann.“
Mich interessiert, wie dein ganz persönliches System das hinkriegt. Was muss zusammenkommen? Was passiert vorher? Was bringt das Fass zum Überlaufen? Also gehen wir einen Schritt zurück:
Was war anders, bevor es losging?
Nehmen wir an, dein Darm dreht heute komplett durch. Dann möchte ich nicht nur wissen, was du gestern gegessen hast. Ich möchte wissen, wie du in den vergangenen Nächten geschlafen hast, ob du einen Infekt hattest, ob sich an deinen Medikamenten etwas verändert hat, ob du körperlich völlig über deine Grenzen gegangen bist oder seit einer Woche von einem Termin zum nächsten rennst.
Und wenn wir das geklärt haben, kommen die Fragen, die mich als Therapeutin besonders interessieren: Was war eigentlich in deinem Leben los?
Gab es Streit? Hat dich jemand richtig wütend gemacht? Hast du dich gedemütigt gefühlt? Hat jemand deine Grenzen überschritten und du hast nichts gesagt? Hast du wieder Ja gesagt, obwohl in dir alles Nein gebrüllt hat? Gab es eine Situation, vor der du Angst hattest? Musstest du funktionieren, obwohl du längst nicht mehr konntest?
Und vielleicht noch wichtiger: War die Situation längst vorbei, dein Kopf aber noch lange nicht?
Nicht jede dieser Situationen löst einen Autoimmun-Schub aus. Das behaupte ich ausdrücklich nicht. Wenn vor deinen Verschlechterungen allerdings immer wieder ähnliche Konstellationen auftauchen, dann würde ich die gern kennen.
Kann Stress einen Autoimmun-Schub auslösen?
Die kurze Antwort lautet: Stress kann bei manchen Autoimmunerkrankungen mit erhöhter Krankheitsaktivität oder Verschlechterungen zusammenhängen. Wie stark dieser Zusammenhang ist, unterscheidet sich aber je nach Erkrankung und von Mensch zu Mensch.
Dazu gibt es inzwischen eine ganze Menge Forschung. Sie ist nur komplizierter als der hübsche Satz „Stress macht krank“.
Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse von 2024 untersuchte beispielsweise psychische Stressoren und Multiple Sklerose. Die Forscher fanden 30 Studien aus 26 Kohorten mit insgesamt 24.781 Fällen. Zusammengenommen sprechen die Ergebnisse für einen kleinen bis moderaten Zusammenhang psychischer Stressoren mit Erkrankungsbeginn, entzündlicher Krankheitsaktivität und dem Fortschreiten der MS. Gleichzeitig weisen die Autoren ausdrücklich auf methodische Schwächen und mögliche Verzerrungen vieler Untersuchungen hin.
Also: Da ist etwas. Aber bitte machen wir daraus kein Orakel.
Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wird es ebenfalls interessant. Ein systematischer Review wertete 38 Studien mit insgesamt 4.757 Menschen mit CED (chronisch-entzündliche Darmerkrankungen) aus. Wahrgenommener psychischer Stress ging in den ausgewerteten prospektiven Untersuchungen einer Verschlechterung der Erkrankung voraus. Wie genau dieser Zusammenhang funktioniert und welche Stressinterventionen tatsächlich den Krankheitsverlauf beeinflussen, ist damit allerdings noch nicht abschließend beantwortet.
Bei rheumatoider Arthritis haben Forscher etwas untersucht, das ich besonders spannend finde.
80 Menschen mit RA wurden sechs Monate lang begleitet. Erfasst wurden unter anderem Alltagsstress, Grübeln, Cortisol, verschiedene Entzündungsmediatoren, Schmerzen, Fatigue und Krankheitsaktivität. Alltagsstress sagte mehr Fatigue im Folgemonat voraus; Grübeln wiederum hing mit späterer selbstberichteter Krankheitsaktivität, mehr geschwollenen Gelenken und Schmerzen zusammen. Interessanterweise konnte die Studie die untersuchten Immun- und HPA-Achsen-Marker nicht als Vermittler dieses Zusammenhangs nachweisen.
Mich interessiert das "Grübeln"
Denn möglicherweise sollten wir nicht nur fragen: Was ist dir passiert? Mich interessiert, wie dein ganz persönliches System das hinkriegt.
- Was muss zusammenkommen?
- Was passiert vorher?
- Was bringt das Fass zum Überlaufen?
Also gehen wir einen Schritt zurück:
Wann war es für deinen Organismus wirklich ausgestanden?
Ein Stressor und eine Stressreaktion sind nicht dasselbe
Stell dir zwei Menschen im selben Meeting vor. Der Chef macht beide vor versammelter Mannschaft zur Schnecke.
Der eine denkt: Was für ein Arschloch. Er geht nach Hause, erzählt seinem Partner davon, kocht Nudeln und guckt Netflix – fertig.
Der andere liegt nachts um halb drei im Bett und führt das Gespräch noch einmal.
- Warum habe ich nichts gesagt?
- Vielleicht hatte er recht. Morgen muss ich wieder hin.
- Was, wenn er das noch mal macht?
- Eigentlich hätte ich sagen müssen …
Von außen betrachtet hatten beide denselben Stressor. Für ihre beiden Organismen kann das trotzdem eine völlig unterschiedliche Geschichte sein.
Genau deshalb finde ich die Frage „Wie viel Stress hast du?“ oft zu grob. Fast alle Menschen haben Stress. Mich interessiert viel mehr, was dein System daraus macht und wie lange es braucht, um anschließend wieder herunterzufahren.
Hier kommen wir mitten in die Psychoneuroimmunologie. Nervensystem, Hormonsystem und Immunsystem sind keine voneinander abgeschotteten Abteilungen. Sie kommunizieren miteinander. Gerade für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen werden solche wechselseitigen Verbindungen zwischen psychischem Stress, neuroendokrinen Stressreaktionen, Darm-Hirn-Kommunikation, Mikrobiom und Immunfunktion intensiv untersucht.
Das bedeutet trotzdem nicht:
Chef brüllt → Cortisol steigt → Donnerstag Autoimmun-Schub.
Schön wär’s fast. Dann könnten wir eine Tabelle machen und wären fertig.
Es bedeutet, dass es biologische Kommunikationswege gibt, über die unser Erleben mit Nervensystem, Hormonsystem und Immunregulation verbunden ist. Was daraus beim einzelnen Menschen entsteht, ist eine andere Frage.
Nein, dein Vater hat nicht automatisch deine Colitis verursacht
Nehmen wir an, du bist 50 und jedes Treffen mit deinem Vater ist die Hölle. Eigentlich bist du längst erwachsen. Sobald dieser Mann den Raum betritt, bist du innerlich aber wieder zwölf.
Du kannst ihm nicht widersprechen, weißt vorher schon, was er sagen wird, ärgerst dich hinterher über dich selbst und führst drei Tage später unter der Dusche immer noch die Diskussion, die du mit ihm eigentlich hättest führen wollen.
Und irgendwann bemerkst du: Nach diesen Begegnungen geht es meinem Darm auffällig oft schlechter.
Hat dein Vater deine Colitis verursacht?
Das wissen wir nicht.
Und ehrlich gesagt interessiert mich diese Frage therapeutisch auch gar nicht besonders. Viel interessanter ist: Was passiert regelmäßig mit dir, wenn du diesem Menschen begegnest? Und taucht dasselbe Muster auch vor anderen Verschlechterungen auf?
Vielleicht heißt dein Trigger am Ende nämlich gar nicht „Vater“. Vielleicht heißt er:
Konflikt + nicht widersprechen können + drei Tage grübeln + schlecht schlafen.
Und plötzlich haben wir keinen Schuldigen mehr vor uns, sondern ein Muster. Und mit einem Muster kann man arbeiten.
Und was ist mit Psoriasis? Nicht jede Studie sagt dasselbe
Gerade bei Psoriasis zeigt sich sehr schön, warum ich bei einfachen Erklärungen vorsichtig werde.
Viele Betroffene erleben ihre Erkrankung als stressabhängig. In einer systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse mit 39 Studien und 32.537 Patienten gaben 46 Prozent an, ihre Psoriasis reagiere auf Stress; 54 Prozent erinnerten belastende Ereignisse vor Beginn oder Verschlechterung der Erkrankung. Die Autoren fanden aber keine überzeugende Evidenz dafür, dass vorausgehender psychischer Stress generell stark mit Beginn oder Verschlechterung der Psoriasis verbunden ist. Sie weisen unter anderem auf die vielen retrospektiven Untersuchungen und deren methodische Grenzen hin.
Genau solche Ergebnisse sind wichtig.
Sie bedeuten nicht: Psyche egal.
Sie bedeuten: Es könnte unzulässig sein, aus Beobachtungen eine allgemeingültige Gebrauchsanweisung für sämtliche Menschen mit Autoimmunerkrankungen zu bauen. Hinschauen sollte man trotzdem.
Und manchmal war es einfach ein Infekt
Wenn du anfängst, deine Schübe zu untersuchen, solltest du nicht plötzlich hinter jedem Symptom einen Vater, eine Mutter oder ein Kindheitstrauma vermuten.
Vielleicht hattest du einen Infekt. Vielleicht hast du drei Nächte kaum geschlafen. Vielleicht wurde deine Medikation verändert. Vielleicht hast du dich körperlich übernommen. Vielleicht kamen mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen.
Und manchmal findest du überhaupt nichts.
Auch das ist ein Ergebnis.
Autoimmunerkrankungen sind komplexe Erkrankungen und kein psychologisches Rätselspiel. Deshalb ersetzt die Suche nach persönlichen Triggern weder deine Medikamente noch deine Fachärztin oder deinen Facharzt.
Was sie ergänzen kann, ist etwas anderes: deine eigene Beobachtung.
Was kann ich selbst tun, um einen Autoimmun-Schub zu verhindern?
Ob und in welchem Umfang sich ein Schub verhindern lässt, hängt von deiner Erkrankung ab. Ich würde deshalb niemandem versprechen, dass er mit genügend Schlaf, Meditation, Grenzen setzen oder Psychotherapie nie wieder einen Schub bekommt.
Das wäre Quatsch.
Du kannst aber anfangen herauszufinden, ob es bei dir Faktoren gibt, die immer wieder gemeinsam mit Verschlechterungen auftreten und die tatsächlich veränderbar sind.
Vielleicht weißt du irgendwann: Nach zwei Nächten mit kaum Schlaf muss ich aufpassen. Vielleicht bemerkst du erste körperliche Warnzeichen früher. Vielleicht stellst du fest, dass du bestimmte Konflikte tagelang mit dir herumschleppst. Vielleicht erkennst du, dass Überforderung, Schlafmangel und emotionaler Stress bei dir besonders ungünstig zusammenkommen.
Das Interessante ist dann nicht nur, dass du ein Muster gefunden hast. Interessant wird die nächste Frage:
Was davon kann ich verändern?
Mach aus deinem Schub einen Tatort
Genau dafür habe ich den Schubdetektiv entwickelt.
Wenn du merkst, dass sich deine Erkrankung verschlechtert, gehst du zunächst 72 Stunden zurück. Diese 72 Stunden sind keine wissenschaftlich festgelegte Frist, nach der Stress einen Autoimmun-Schub auslösen würde. Ich benutze sie schlicht als praktisches Beobachtungsfenster.
Du schaust dir an, was körperlich los war, wie du geschlafen hast, ob es medizinische Veränderungen gab und was in deinem Alltag passiert ist. Und du schaust auf einen Bereich, der gern vergessen wird: Was lief in dir weiter, nachdem das eigentliche Ereignis längst vorbei war?
Dann sammelst du.
Noch keine große Interpretation. Keine Küchenpsychologie. Kein „Aha, meine Mutter!“.
Denn ein einzelner Schub beweist überhaupt nichts.
Wenn du Streit mit deinem Mann hattest und zwei Tage später einen Schub bekommst, ist das interessant. Mehr nicht. Beim nächsten Mal war es vielleicht deine Mutter und beim übernächsten Mal dein Chef.
Drei völlig verschiedene Menschen.
Bis du bemerkst: Moment mal. Jedes Mal konnte ich mich nicht wehren. Jedes Mal habe ich hinterher tagelang darüber nachgedacht. Jedes Mal habe ich anschließend beschissen geschlafen.
Jetzt haben wir eine Arbeitshypothese.
Korrelation ist kein Beweis. Trotzdem darfst du neugierig werden.
Nur weil B nach A passiert, hat A nicht automatisch B verursacht. Wenn du aber über Monate feststellst, dass eine bestimmte Konstellation immer wieder vor einer Verschlechterung auftaucht, darfst du anfangen, Fragen zu stellen.
Was passiert, wenn du diesmal früher reagierst? Wenn du nach zwei schlechten Nächten nicht noch drei Tage durchpowerst? Wenn du nach dem Konflikt nicht bis Donnerstag innerlich weiterdiskutierst? Wenn du deine Grenze bereits im Gespräch setzt? Wenn du bei den ersten Warnzeichen Termine absagst, statt zu warten, bis gar nichts mehr geht?
Damit beweist du nicht, wodurch deine Autoimmunerkrankung entstanden ist.
Aber vielleicht findest du heraus, welchen Anteil du beeinflussen kannst.
Und genau darum geht es mir.
Wann kommt der nächste Schub?
Viele Menschen mit Autoimmunerkrankungen leben genau mit dieser Frage im Hinterkopf: Wann geht es wieder los?
Irgendwann wird die Zeit zwischen zwei Schüben dadurch nicht mehr zum normalen Leben, sondern zum Wartezimmer. Du beobachtest jedes Zwicken, jede Erschöpfung und jeden komischen Tag und denkst: Geht es wieder los?
[INTERNER LINK: „Angst vor dem nächsten Schub: Wenn du ständig darauf wartest, dass es wieder losgeht“ – folgt]
Ich würde die Frage gern verändern. Nicht nur: Wann kommt mein nächster Schub?
Sondern:
Woran merke ich, dass bei mir etwas kippt – und was davon kann ich beeinflussen?
Vielleicht kannst du nicht verhindern, dass du eine Autoimmunerkrankung hast. Vielleicht kannst du auch nicht jeden Schub verhindern. Aber zwischen „Ich kann alles kontrollieren“ und „Ich kann überhaupt nichts tun“ liegt ein verdammt großer Raum.
Und genau den sollten wir uns ansehen.
Dein Körper ist dabei nicht unbedingt dein Gegner. Er ist ein ziemlich komplexes biologisches System, für das du bei der Geburt leider keine Bedienungsanleitung mitbekommen hast.
Die schlechte Nachricht: Die liegt auch nicht irgendwo im Handschuhfach.
Die gute:
Du kannst anfangen, deine eigene zu schreiben.
Medizinischer Hinweis
Die beschriebene Selbstbeobachtung ergänzt medizinische Diagnostik und Behandlung, ersetzt sie aber nicht. Neue, starke oder ungewöhnliche Symptome sowie deutliche Verschlechterungen solltest du ärztlich abklären lassen. Medikamente und laufende Behandlungen solltest du nicht aufgrund eines vermuteten Triggers selbst verändern.
