IgA-Nephropathie und Darm: Welche Rolle spielen Stress und Mikrobiom?

Der Darm, die Niere und der Stress – plötzlich hängt alles zusammen

Manchmal erfährt man beim Arzt etwas, das einen noch Tage später beschäftigt. Bei meinem letzten Termin beim Nephrologen war es der Darm.
Ich hatte ihn gefragt, was man heute eigentlich über die Entstehung der IgA-Nephropathie weiß. Als ich vor vielen Jahren krank wurde, war die Antwort darauf noch ziemlich übersichtlich: Man wusste, dass sich IgA in den Nieren ablagert, dort Entzündungen verursacht und irgendwann Nierengewebe schädigen kann.
Heute weiß man deutlich mehr. Eine zentrale Rolle spielt galaktosedefizientes IgA1, kurz Gd-IgA1, also ein verändertes Immunglobulin A1. Vereinfacht gesagt trägt dieses Antikörpermolekül an bestimmten Stellen eine veränderte Zuckerstruktur. Der Körper kann dagegen wiederum Antikörper bilden, daraus entstehen Immunkomplexe, die sich in der Niere ablagern und dort Entzündungsprozesse anstoßen können.
Spannend wird es dort, wo diese Geschichte offenbar ihren Anfang nimmt: an den Schleimhäuten.

In Nase, Rachen und Darm arbeitet ein großer Teil unseres Immunsystems.

Dort begegnet der Körper ständig Viren, Bakterien, Nahrungsbestandteilen und den unzähligen Mikroorganismen, die zu unserem Mikrobiom gehören. Das Immunsystem muss permanent entscheiden, worauf es reagiert, was es toleriert und was es besser in Ruhe lässt.
Bei der IgA-Nephropathie scheint genau diese Regulation eine wichtige Rolle zu spielen. Neuere Forschung verbindet Veränderungen des Darmmikrobioms und der mukosalen Immunantwort mit der Bildung von Gd-IgA1. Der Darm ist bei dieser Erkrankung also längst nicht mehr nur Verdauungsorgan, sondern Teil eines immunologischen Geschehens, das am Ende in der Niere sichtbar werden kann.

IgA-Nephropathie und Darm: Welche Rolle spielt das Mikrobiom?

Und genau an dieser Stelle wurde ich hellhörig.
Denn auch die Psychoneuroimmunologie beschäftigt sich mit dem Darm, nur aus einer anderen Richtung.
Sie untersucht, was im Körper geschieht, wenn ein Mensch über längere Zeit unter Belastung steht. Stress ist biologisch schließlich nicht nur dieses unangenehme Gefühl, wenn der Kalender zu voll ist oder man nachts wachliegt und über ein Gespräch nachdenkt, das längst vorbei ist. Stress verändert die Aktivität des autonomen Nervensystems, die Ausschüttung von Hormonen und Botenstoffen und damit auch immunologische Prozesse.
Gleichzeitig zeigen Studien, dass psychischer Stress die Darmbarriere beeinflussen kann und dass starke oder lang anhaltende Belastungen mit Veränderungen des Darmmikrobioms einhergehen können.

Darm-Hirn-Achse: Wie Stress Darm und Immunsystem beeinflusst

Damit liegen plötzlich zwei Forschungsstränge nebeneinander.
Auf der einen Seite die IgA-Nephropathie mit ihrer engen Verbindung zum mukosalen Immunsystem und zum Darm.
Auf der anderen Seite die Psychoneuroimmunologie mit der Erkenntnis, dass Stress und Erleben biologische Vorgänge im Darm und im Immunsystem verändern können.
Der direkte Beweis dafür, dass psychischer Stress über diese Mechanismen eine IgA-Nephropathie auslöst oder ihren Verlauf bestimmt, fehlt bisher.
Aber genau hier beginnt die interessante Frage.
Was wäre, wenn Forschende in ein paar Jahren entdecken, dass chronischer Stress über Nervensystem, Darmbarriere, Mikrobiom und mukosale Immunantwort genau jene Prozesse mitbeeinflusst, die bei der IgA-Nephropathie zur Bildung von krankheitsrelevantem IgA führen?

Was wäre, wenn...

Forscher:innen feststellen, dass soziale Belastung, Schlafmangel, Angst oder ungelöste Konflikte nicht die Ursache der Erkrankung sind, aber bei genetisch und immunologisch anfälligen Menschen mit darüber entscheiden, ob das System eher ruhig bleibt oder in Richtung Entzündung kippt?
Und was wäre, wenn wir dann rückblickend feststellen, dass wir jahrzehntelang versucht haben, Psyche, Nervensystem, Darm, Immunsystem und Niere getrennt zu betrachten, obwohl der Körper diese Trennung nie gemacht hat?
Genau das wäre für mich die spannende Konsequenz der heutigen Forschung.
Nicht: Gedanken machen krank.
Nicht: Wer seine Konflikte löst, heilt seine Niere.
Sondern die viel interessantere Möglichkeit, dass Erleben über biologische Wege in ein System hineinwirkt, das wiederum auf dieses Erleben zurückwirkt.
Denn die Vorstellung, Psyche und Körper seien zwei verschiedene Abteilungen, war eigentlich schon immer merkwürdig. Unser Nervensystem hört schließlich nicht irgendwo am Hals auf.

Psychoneuroimmunologie: Was Stress mit dem Immunsystem macht

Wenn ich mich erschrecke, schlägt mein Herz schneller. Wenn ich Angst habe, verändert sich meine Atmung. Wenn ich mich sicher fühle, verändert sich mein Muskeltonus. Schlafmangel beeinflusst den Stoffwechsel und das Immunsystem. Ein Streit kann dafür sorgen, dass der Magen rebelliert, obwohl das Abendessen vollkommen unschuldig war.
Das erleben wir jeden Tag, ohne darüber besonders nachzudenken.
Sobald es allerdings um Krankheit geht, ziehen wir plötzlich eine scharfe Grenze.
Hier der Körper.
Dort die Psyche.
Und wehe, jemand erwähnt Stress, sobald eine körperliche Erkrankung im Raum steht.
Ich verstehe diese Abwehr gut. Gerade chronisch kranke Menschen haben oft genug erlebt, wie schnell Beschwerden als „psychisch“ abgetan werden, sobald die Medizin keine einfache Erklärung findet.
„Vielleicht haben Sie einfach Stress.“
Das klingt für viele nicht nach einer biologischen Hypothese, sondern nach: Wir finden nichts, also liegt es wohl an Ihnen.
Genau deshalb muss man bei der Psychoneuroimmunologie so sauber bleiben.
Stress ist keine moralische Kategorie.
Wer unter hoher Belastung lebt, hat nicht versagt.
Wer einen ungelösten Konflikt hat, produziert nicht absichtlich Entzündungen.
Und niemand bekommt eine Autoimmunerkrankung, weil er seine Kindheit nicht ordentlich aufgearbeitet hat.
Darum geht es nicht.

Es geht um biologische Kommunikation.

Das Gehirn bewertet ständig, ob eine Situation sicher oder bedrohlich ist. Diese Bewertung beeinflusst Nervensystem und Hormonsystem, beide kommunizieren wiederum mit dem Immunsystem. Der Darm mit seinen Mikroorganismen und seiner riesigen immunologischen Oberfläche ist in dieses Netzwerk eingebunden und sendet seinerseits Signale zurück.
Man spricht deshalb inzwischen von Darm-Hirn-Achse, Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse oder, noch etwas genauer, von einer Mikrobiota-Darm-Immunsystem-Gehirn-Achse.
Das klingt kompliziert.
Eigentlich beschreibt es nur etwas ziemlich Einfaches:
Der Körper redet die ganze Zeit mit sich selbst.
Und zwar in alle Richtungen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Bedeutung des Satzes, den ich in meiner Arbeit so gern benutze:

Erleben wirkt auf der Zellebene - einfach biologisch

Nicht im Sinne von: Ein Gedanke verwandelt sich in eine Krankheit.
Sondern weil alles, was wir erleben, von einem Organismus verarbeitet wird, der dafür Nervenimpulse, Hormone, Botenstoffe, Immunzellen und Stoffwechselprozesse benutzt.
Der Körper hat keine andere Sprache.
Sicherheit ist biologisch.
Angst ist biologisch.
Schlaf ist biologisch.
Einsamkeit ist biologisch.
Berührung ist biologisch.
Infektionen sowieso.
Und genau deshalb interessiert mich die Frage, ob wir bei Autoimmunerkrankungen langfristig noch sehr viel genauer verstehen werden, wie diese Ebenen miteinander wechselwirken.
Chronischer Stress und Autoimmunerkrankungen: Was wissen wir wirklich?
Was passiert beispielsweise während längerer Stressphasen mit der mukosalen Immunantwort bei Menschen mit IgA-Nephropathie?
Verändert sich ihre Darmbarriere?
Verändert sich das Mikrobiom?
Lassen sich Veränderungen mit Gd-IgA1, Proteinurie oder anderen Krankheitsmarkern in Verbindung bringen?
Gibt es vielleicht Menschen, bei denen diese Zusammenhänge besonders stark sind, während sie bei anderen kaum eine Rolle spielen?
Und wäre es irgendwann möglich, nicht nur Medikamente und Laborwerte zu betrachten, sondern verschiedene Ebenen gemeinsam?
Das wäre keine Psychotherapie statt Nephrologie.
Im Gegenteil.
Es wäre bessere Nephrologie.
Denn die Niere liegt schließlich nicht allein in einem Glasbehälter herum und wartet darauf, krank zu werden. Sie gehört zu einem Menschen mit einem Immunsystem, einem Nervensystem, einem Darm, einer Lebensgeschichte und einem Alltag.
Das heißt nicht, dass alles gleich wichtig ist.
Es heißt nur, dass man die Teile nicht beliebig voneinander trennen kann.
Vielleicht werden wir in ein paar Jahren sehr viel genauer beschreiben können, welche dieser Verbindungen für die IgA-Nephropathie tatsächlich relevant sind.

Bis dahin ist es eine Hypothese.

Aber eine, die sich zu untersuchen lohnt.
Denn vielleicht sitzen wir irgendwann da und sagen: Natürlich hängt das zusammen. Wie konnten wir glauben, dass Darm, Immunsystem, Nervensystem und Erleben unabhängig voneinander funktionieren?
Vielleicht zeigt sich aber auch, dass der Einfluss psychischer Belastung auf die eigentlichen Krankheitsmechanismen kleiner ist, als ich vermute.
Auch das wäre ein gutes Ergebnis.
Denn eine Hypothese ist keine Wahrheit, die nur noch bewiesen werden muss.
Sie ist eine Frage, die so interessant sein sollte, dass jemand Lust bekommt, sie zu untersuchen.
Meine lautet:
Was wäre, wenn Forschende in ein paar Jahren entdecken, dass bei der IgA-Nephropathie nicht nur entscheidend ist, was in der Niere passiert, sondern auch, was vorher im Darm, im Immunsystem und im Nervensystem geschieht – und unter welchen Lebensbedingungen sich diese Prozesse verändern?
Ich fände es ausgesprochen spannend, das herauszufinden.
Denn vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Medizin aufhört, Organe zu behandeln, und beginnt, den ganzen Menschen zu verstehen.

Quellen

  • Überblick über die Evidenz dafür, dass psychosozialer Stress die Darmbarriere beeinflussen kann.
3La Torre, D. et al. (2023):
Psychosocial stress-induced intestinal permeability in healthy humans: What is the evidence?
    Frontiers in Psychiatry, 2023.
  • Grundlage für den aktuellen Forschungsstand zu IgA-Nephropathie, Gd-IgA1, Immunkomplexen und mukosaler Immunität.

1Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) IgAN and IgAV Work Group (2025): KDIGO 2025 Clinical Practice Guideline for the Management of Immunoglobulin A Nephropathy (IgAN) and Immunoglobulin A Vasculitis (IgAV).

    Kidney International, 2025.
  • Belegt den Forschungsstrang Darmmikrobiom – Gd-IgA1 – IgA-Nephropathie.
2Zhu, Y. et al. (2024):
    IgA nephropathy: gut microbiome regulates the production of hypoglycosylated IgA1 via the TLR4 signaling pathway.
    Nephrology Dialysis Transplantation, 39(10), 1624–1641.
    DOI: 10.1093/ndt/gfae052