Was tun, wenn plötzlich Angst, Atemnot oder innere Unruhe auftauchen...

...obwohl eigentlich gar nichts passiert?

Genau das ist mir selbst passiert. Ausgerechnet mir, die seit Jahren mit Menschen arbeitet, die Angst und Panik kennen. In diesem Artikel geht es darum, was unser Nervensystem nach einer bedrohlichen Situation veranstalten kann, warum Panik manchmal scheinbar ohne Grund auftaucht und was du selbst tun kannst, um wieder handlungsfähig zu werden. Und es geht um eine Frage, die für meine Arbeit zentral ist: Wie lernen Menschen, sich selbst zu helfen, ohne zu glauben, sie müssten deshalb alles alleine schaffen?

Panikattacke ohne Grund? Wenn dein Nervensystem Alarm schlägt

Ich hatte in den letzten Tagen Panikattacken. Vermutlich jedenfalls. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zuzugeben, obwohl ich beruflich ziemlich genau weiß, wie Angst aussieht und was ein Nervensystem veranstalten kann, wenn es Gefahr wittert.

Bei anderen erkenne ich das zuverlässig. Bei mir selbst dachte ich erst: Was stimmt denn mit meinem Atem nicht?

Ein paar Tage vorher waren wir auf der Autobahn unterwegs. Rechte Spur, links neben uns ein Lkw. Der Fahrer hatte uns offenbar übersehen und begann, auf unsere Spur zu ziehen. Dieses typische Autobahnbild: Blinker an, eine riesige Wand aus Metall bewegt sich langsam in deine Richtung und du weißt plötzlich sehr genau, dass dein Auto im Vergleich dazu ungefähr die Stabilität einer Coladose hat.

Ich schrie innerlich nur noch: „Gas geben! Gas geben!“

Wir kamen weg. Nichts passiert. Rein sachlich war die Geschichte damit beendet.

Nur mein Körper hatte das nicht mitbekommen.

Kurz vorher hatten wir einen Unfall gesehen. Lkw, Pkw, das Auto auf der Seite. Und auf einmal hatte ich verstanden, wie so etwas passieren kann: Der Lkw sieht das Auto nicht, zieht rüber, fertig.

Danach war ich innerlich unruhig. Mein Atem fühlte sich falsch an. An Höhen fing ich plötzlich an zu zittern, ich atmete viel zu schnell und zu kurz und nachts lag ich wach. Keine konkrete Angst vor dem Lkw, keine Bilder und auch kein Gedanke wie: Gleich passiert etwas Schreckliches.

Nur irgendwie Alarm.

Das ist überhaupt eine der bemerkenswertesten Eigenschaften unseres Körpers: Er braucht für Angst keine vernünftige Geschichte.

Wir Menschen dagegen schon – Wir möchten immer wissen, warum Dinge geschehen. Am liebsten hätten wir eine kleine PowerPoint-Präsentation: Folie eins Ursache, Folie zwei Symptome, Folie drei Lösung.

Das Nervensystem ist da weniger kooperativ.

In der dritten Nacht lag ich wieder wach und irgendwann dachte ich: Eva, vielleicht hast du einfach Panik. Jetzt stell dich nicht so an.

Das ist ein interessanter Satz für eine Therapeutin.

Ich arbeite seit Jahren mit Menschen, die Angst haben. Ich erkläre ihnen, dass ihr Körper nicht verrückt geworden ist und dass Angst kein Beweis dafür ist, dass tatsächlich Gefahr besteht. Und dann liege ich selbst nachts im Bett und denke: Was ist denn jetzt kaputt?

Was tun bei Panikattacken? Erst verstehen, dann regulieren

Irgendwann hatte ich genug vom Wegmachenwollen. Also sagte ich innerlich: „Na komm. Dann zeig dich.“

Ich versetzte mich in Trance und ging zurück zu der Situation auf der Autobahn. Nicht, um sie noch einmal möglichst realistisch durchzuleiden, sondern mit Abstand. So, wie ich auch mit anderen belastenden Erinnerungen arbeite: anschauen, verändern, Bewegung hineinbringen.

Das beklemmende Gefühl kam wieder und irgendwann fragte ich mich: Wenn dieses Gefühl eine Farbe hätte – welche wäre es?

„Schwarz.“

Da waren große schwarze Flächen, die an mir vorbeirauschten. Dunkel, schwer, bedrohlich. Im Nachhinein braucht man keine Freud-Gesamtausgabe, um auf Lkw zu kommen.

Als Therapeutin weiß ich, dass sich Gefühle verändern können, wenn sich die Bedingungen verändern, unter denen wir sie innerlich erleben. Also hatte ich jetzt dieses Schwarz. Wie würde sich das Gefühl verändern, wenn ich das Schwarz in Blau verwandle?

Nicht sofort und nicht vollständig. Erst kam ein bisschen Blau dazu, dann mehr und irgendwann wirkte es fast wie Himmelblau.

Während ich innerlich damit beschäftigt war, Schwarz in Blau zu verwandeln, merkte ich, wie mein Körper sich entspannte. Mein Atem veränderte sich, die innere Alarmbereitschaft ließ nach und irgendwann schlief ich ein.

Am nächsten Morgen war ich weniger wegen der Methode begeistert als wegen einer anderen Erkenntnis: Ich hatte mich daran erinnert, sie bei mir selbst anzuwenden.

Das klingt banal. Ist es für mich aber nicht.

Ich kenne diese Techniken. Ich benutze sie in meiner Arbeit und habe selbst Therapie und Hypnose erlebt. Aber meistens gibt es dabei zwei Menschen: Einer begleitet und einer erlebt.

In dieser Nacht war niemand da. Und trotzdem konnte ich etwas tun.

Nervensystem beruhigen heißt nicht, Angst einfach wegzumachen

Das ist für mich ein wichtiger Unterschied.

Wenn wir versuchen, Angst um jeden Preis wegzumachen, wird sie schnell zu einem Gegner, gegen den wir kämpfen. Mich interessiert viel mehr: Was passiert da gerade in mir und worauf kann ich Einfluss nehmen?

Ich konnte die Situation auf der Autobahn nicht ungeschehen machen. Ich konnte meinem Nervensystem auch nicht erklären, dass es sich bitte zusammenreißen soll. Aber ich konnte verändern, wie ich die Erinnerung innerlich erlebte, und ich konnte beobachten, was daraufhin mit meinem Körper geschah.

Genau solche Erfahrungen sind wichtig, wenn Menschen lernen wollen, mit Angst und Panik anders umzugehen. Nicht, weil es einen Trick gibt, mit dem jede Panikattacke sofort verschwindet, sondern weil aus einem scheinbar unkontrollierbaren Zustand langsam wieder etwas wird, mit dem ich umgehen kann.

Angst selbst regulieren: Warum Selbstwirksamkeit so wichtig ist

Vielleicht trifft mich diese Erfahrung deshalb so, weil sie sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht

Ich habe zwölf Jahre Dialyse gemacht, einen großen Teil davon selbst. Heimdialyse als Hämodialyse bedeutet, Verantwortung für etwas zu übernehmen, das die meisten Menschen ausschließlich Fachpersonal überlassen. Nicht aus Misstrauen gegenüber der Medizin, sondern weil es einen gewaltigen Unterschied macht, ob jemand etwas an mir macht oder ob ich verstehe, was passiert und selbst handeln kann.

Ich war damals eine von sehr wenigen Menschen, die sich die Heim-Hämodialyse zugetraut haben. Und ich habe dabei etwas gelernt, das weit über Dialyse hinausgeht: Wissen verändert das Gefühl von Ausgeliefertsein.

Vielleicht ist genau das auch der Kern meiner therapeutischen Arbeit.

Wir sprechen viel über Hilfe. Erstaunlich wenig sprechen wir darüber, wie Menschen Hilfe irgendwann weniger brauchen.

Natürlich gibt es Situationen, in denen man eine gute Therapeutin oder einen guten Therapeuten braucht. Es gibt Traumata, Krisen und Erkrankungen, mit denen niemand alleine herumbasteln sollte. Selbsthilfe ist nicht automatisch ein Ersatz für Behandlung.

Aber zwischen „Ich muss alles alleine schaffen“ und „Jemand anderes muss mich reparieren“ liegt ein ziemlich großes Gebiet.

Und genau dieses Gebiet interessiert mich.

Denn das Leben hält sich nicht an Praxisöffnungszeiten. Panik kommt nachts, Angst kommt auf der Autobahn und Verzweiflung kommt nach einem Arztgespräch. Die innere Unruhe steht plötzlich in der Küche, während man eigentlich nur Kaffee kochen wollte.

Dann sitzt keine Therapeutin daneben.

Deshalb interessiert mich in Therapie immer mehr die Frage: Was davon kannst du selbst lernen? Woran merkst du, dass dein Nervensystem gerade hochfährt? Was verändert deinen Atem? Welche inneren Bilder machen etwas schlimmer und welche machen es leichter? Wie schaffst du Abstand zu einer Erinnerung? Was hilft dir, wieder ins Hier und Jetzt zu kommen? Und was davon kannst du anwenden, wenn niemand da ist?

Selbstwirksamkeit bedeutet nicht: Ich muss alles alleine schaffen

Der Begriff Selbstwirksamkeit klingt leider ein bisschen, als hätte ihn jemand für eine Phrasendreschmaschine erfunden.

Dabei beschreibt er etwas sehr Konkretes: Ich bin nicht vollkommen ausgeliefert und ich kann etwas tun.

Vielleicht nicht alles, vielleicht nicht sofort und vielleicht brauche ich Unterstützung. Aber ich bin beteiligt.

Gerade chronisch kranke Menschen kennen das Gegenteil gut. Da wird untersucht, entschieden, verschrieben, operiert und kontrolliert. Irgendwann kann man sich selbst vorkommen wie ein kompliziertes Paket, das zwischen Fachabteilungen hin- und hergeschickt wird.

Was dabei leicht verloren geht, ist das Gefühl für die eigene Kompetenz.

Ich meine damit ausdrücklich nicht die medizinische Kompetenz. Ich muss keinen Facharzt ersetzen. Ich meine die Kompetenz für mich selbst: zu merken, was in mir passiert, zu wissen, was mir hilft und unterscheiden zu können, wann ich Unterstützung brauche und wann ich selbst etwas regulieren kann.

Meine schwarzen Flächen wurden in dieser Nacht übrigens nicht vollständig blau. Das gefällt mir inzwischen sogar, denn genau so funktioniert Veränderung meistens.

Nicht: Schwarz weg, Blau da, Problem erledigt.

Sondern etwas Neues kommt hinzu: ein bisschen mehr Raum, ein bisschen mehr Wahl und ein bisschen weniger Ausgeliefertsein.

Wann Selbsthilfe bei Angst reicht – und wann du Unterstützung brauchst

Damit sich meine Angst beim nächsten Lkw nicht gleich wieder meldet,

habe ich meinen Mann am nächsten Tag gebeten, mit mir eine sogenannte Fast Phobia Cure (Visual-Kinesthetic Dissociation/V-KD) aus dem NLP nach Bandler und Grinder zu machen.

Ein wahrer Akkuschrauber aus dem NLP-Werkzeugkasten.

Ich schrieb ihm die einzelnen Schritte des Manuals auf einen Zettel und wir setzten uns an den Küchentisch. Unter seiner Anleitung ließ ich die Situation auf der Autobahn mehrfach vorwärts und rückwärts laufen, bis sie nicht mehr unmittelbar mit mir verknüpft war – assoziiert –, sondern ich sie mit Abstand betrachten konnte – dissoziiert.

Wie ein altes Schwarz-Weiß-Foto, das eine Situation aus meinem Leben zeigt. Sie ist passiert und sie gehört zu meiner Geschichte, aber ich stecke nicht mehr mitten drin.

Und das war gut, denn aus eigener Kraft hätte ich das wahrscheinlich nicht so schnell geschafft.

Das gehört nämlich genauso zur Selbstwirksamkeit: zu erkennen, wann man etwas alleine regulieren kann und wann ein zweiter Mensch hilfreich oder notwendig ist.

Gute Therapie soll dich handlungsfähiger machen – nicht abhängiger

Was habe ich durch diese Geschichte wieder erinnert?

Ich kann mir selbst helfen. Und genau das möchte ich auch anderen Menschen beibringen.

Nicht: Du brauchst niemanden.

Sondern: Du kannst lernen, für dich zu sorgen. Du kannst lernen, dein Nervensystem und deine Reaktionen besser zu verstehen. Und du kannst lernen zu erkennen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, dir Unterstützung zu suchen, damit du schneller aus einer Situation herauskommst, die dich überfordert.

Für mich ist das eine der wichtigsten Aufgaben von Therapeutinnen und Therapeuten: Menschen nicht möglichst lange an Therapie zu binden, sondern ihnen Wissen, Erfahrung und Handwerkszeug mitzugeben, mit denen sie zunehmend selbstständig umgehen können.

Vielleicht besteht die Aufgabe guter Therapeut:Innen am Ende genau darin, sich Stück für Stück selbst überflüssig zu machen.

Du musst nicht darauf warten, dass jemand anderes dich repariert.

Du kannst lernen, besser zu verstehen, was dein Körper und dein Nervensystem gerade tun, was du selbst beeinflussen kannst – und wann Unterstützung sinnvoll ist. Genau darum geht es in meiner Arbeit.

Quelle Fast Phobia Cure:

  • Die Technik wird auf Bandler & Grinder, Frogs into Princes (1979) Dort wird die doppelte Dissoziation beschrieben – also sinngemäß: Du beobachtest dich dabei, wie du dich selbst in der belastenden Situation beobachtest.
Bandler & Grinder, Frogs into Princes (1979)

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