Viele Menschen essen nicht aus Hunger. Sie essen, weil ihr Nervensystem keine Pause mehr findet.
Ich habe letztes Jahr ein Experiment gemacht.
Nicht im Labor.
Nicht mit weißem Kittel.
Nicht mit Millionenbudget.
„
17 Menschen sind gestartet
“
Mit Frauen, die nachts noch Brotdosen schmieren.
Mit Menschen, die tagsüber funktionieren wie ein Schweizer Taschenmesser auf Koffein.
Mit Leuten, die theoretisch alles über Ernährung wissen und trotzdem abends vor der Süßigkeitenschublade stehen wie ferngesteuert.
Der Ansatz war ungewöhnlich: eine Semaglutid-Placebo-Oblate oder ein hypnotisches Magenband namens „Ligatura Gastro“.
-
Keine Medikamente.
-
Keine echte Wirkstoffgabe.
-
Keine Wunderheilung.
Sondern ein psychologischer Anker.
Etwas, woran das Gehirn sich festhalten kann, während alte Muster umgebaut werden.
Dazu gab es Hypnosen, tägliche Reflexion und die Aufgabe, den eigenen Alltag mal ehrlich anzuschauen:
Wann esse ich?
Warum esse ich?
Bin ich wirklich hungrig?
Oder einfach nur erschöpft, überreizt, leer oder seit drei Tagen nur noch am Rennen?
Und genau da wurde es spannend -Denn die meisten Teilnehmer wussten längst, wie Abnehmen theoretisch funktioniert.
Das Problem war nie fehlendes Wissen.
Die Menschen können inzwischen im Halbschlaf erklären, wie viele Kalorien Haferflocken haben und warum Eiweiß wichtig ist.
Das Problem war eher:
Wie soll ein Mensch auf seinen Körper hören, wenn das Nervensystem seit Jahren auf Anschlag läuft?
Viele Teilnehmerinnen waren komplett erschöpft.
- Kinder.
- Arbeit.
- Pflege.
- Organisation.
- Mental Load.
- Schlechtes Gewissen.
- Keine Pause.
- Und irgendwo dazwischen noch versuchen, gesund zu essen.
Und dann wundern sich alle, warum abends die Gummibärchen gewinnen.
Was mich überrascht hat:
Die spannendsten Veränderungen passierten oft gar nicht zuerst auf der Waage.
Menschen schrieben:
„Ich werde früher satt.“
„Ich habe weniger Lust auf Süßes.“
„Ich bewege mich wieder mehr.“
„Ich esse zwar noch zu viel, aber nicht mehr völlig bewusstlos.“
„Bis nachmittags klappt es gut, dann kommt der Hunger.“
Ich glaube inzwischen:
Das war oft gar kein Hunger.
Das war ein Nervensystem, das irgendwo andocken wollte.
Eine Teilnehmerin schrieb:„Ich merke nichts von der Hypnose.“
Und gleichzeitig:
„Ich esse weniger.“
„Ich zeige mich den Menschen mehr.“
„Ich spreche meine Gefühle an.“
Genau das meine ich.
Veränderung passiert oft nicht da, wo Menschen hingucken.
Andere schrieben:
„Ich werde schneller satt.“
„Ich habe wieder Energie.“
„Ich habe plötzlich wieder Lust auf Bewegung.“
„Ich merke überhaupt erst, wie erschöpft ich bin.“
Eine Teilnehmerin begann wieder regelmäßig Fahrrad zu fahren.
Eine andere machte plötzlich Kraftsport.
Eine weitere schrieb fast täglich, dass sie sich zum ersten Mal wieder Zeit für sich nimmt.
Und manche nahmen kaum ab.
Auch das gehört zur Wahrheit.
Denn wenn jemand emotional völlig überlastet ist, kaum schläft und Essen seit Jahren die schnellste Beruhigung im Leben ist, dann reicht eine Hypnose alleine nicht wie ein Zauberstab.
Das Projekt hat mir etwas gezeigt, das ich vorher nur geahnt habe:
Viele Menschen führen Krieg gegen ihren Körper, obwohl ihr Körper oft einfach nur versucht zu überleben.
Placebo wird oft belächelt.
Als wäre das „nicht echt“.
Aber der Mensch reagiert permanent auf Bedeutung.
Ein Ring kann eine Ehe retten oder zerstören.
Ein Lied kann dich sofort zurück in deine Kindheit katapultieren.
Ein Geruch kann Trauer auslösen.
Ein Arzt in weißem Kittel kann Schmerzen lindern, bevor überhaupt eine Tablette wirkt.
Natürlich reagiert der Körper auf Rituale, Bilder, Erwartungen und Wiederholung.
Das tut er jeden Tag.
Was in diesem Projekt gut funktioniert hat:
Gutes tun - für sich selbst
- tägliche Reflexion
- Hypnose als Unterbrechung vom Dauerstress
- körperliche Anker
- Fokus auf Sättigung statt Verbot
- Selbstbeobachtung statt Selbsthass
Was schlecht funktioniert hat:
Menschen völlig zu überfordern.
Einige Teilnehmer waren so erschöpft, dass schon das tägliche Ausfüllen schwer wurde.
Andere standen emotional so unter Strom, dass Essen weiterhin die schnellste Notfallmedizin blieb.
Und genau deshalb finde ich das Projekt wichtig.Nicht weil alle plötzlich dünn geworden sind.
Sondern weil sichtbar wurde, was unter dem Essen eigentlich liegt.
- Erschöpfung.
- Druck.
- Trauer.
- Überforderung.
- Das Gefühl, immer funktionieren zu müssen.
Und manchmal auch einfach:
das Bedürfnis, endlich mal kurz gehalten zu werden.
Ich werde das Projekt in diesem Sommer nochmal öffnen.
Nicht als Wunderdiät.
Nicht als Ersatz für Medizin.
Nicht für Menschen, die einfach nur schnell dünn werden wollen.
Sondern für Menschen, die merken:
„Vielleicht brauche ich nicht noch mehr Kontrolle.
Vielleicht brauche ich erstmal wieder Kontakt zu mir selbst.“
